Kriterien der perfekten Tantramassage. Aus dem Leben

Kriterien einer guten Tantramassage. Aus dem Leben
Kriterien einer guten Tantramassage. Aus dem Leben

„Ich war auf Deiner Webseite,“ – sagt mir einer aus der schwulen Gruppe Bern. „Aber die Seite hat mich nicht gross angesprochen. Ich stelle mir eine Tantramassage anders vor.“

„Was macht denn für dich eine gute Tantramassage aus?“ – frage ich nach: „Was sind die konkreten Kriterien?“

„Das Vertrauensverhältnis zum Masseur ist wichtig…“ – sagt er und fügt hinzu: „Ich gehe nur zu jemanden, den ich schon gut kenne. Man weiss ja nie, was passieren kann und wie der Typ drauf ist…“

Ich überlege eine Weile:

„Hier im Kanton Bern ist die ganze Sex-Szene irgendwie familiär… Echt, wie eine Familie, mit ihren guten und schlechten Seiten. Die Leute scheinen einander bestens zu kennen. Sie essen meistens Fondue oder Bratwürste, Trinken Wein oder Bier und führen Gespräche oberflächlichster Art – wie ihr Tag so war, oder über Gott und die Welt – und sie nennen es „philosophieren“. Vom guten, erfüllten Sex habe ich persönlich bisher sehr wenig wahrgenommen, ob in einer schwulen Gruppe, an einem BDSM- oder Queer-Stammtisch oder gar in einem Swinger-Club. Überall sitzen Gruppen, meistens von Männern über 50, die genau das tun. Dabei ist es schwierig, sich in dieses familiäres Beziehungsgeflecht zu integrieren, wenn man denn will, ganz zu schweigen darüber, den Überblick über die echte, innere Beziehungen und politische Verhältnisse dort behalten zu können. Wie dem auch sei, was ich sagen will: In einer Familie stirbt die Sexualität bekanntlich schnell aus, weil andere, meistens alltägliche und unwichtige Aspekte wie essen und schwatzen in den Vordergrund rücken. Man lebt die eigentliche Lust, das Begehren dann meistens schnell und anonym aus, meistens ausserhalb der eigenen Ehe. Ganz viele dieser Männer (und Frauen) reden schön von Vertrauensverhältnissen, haben aber kein Vertrauen mehr in ihre Mitmenschen ausserhalb ihrer Familien und in das Leben. Wenn neue Männer zu mir kommen, schauen mir viele nicht Mal ins Gesicht, sondern öffnen schon in der Tür ihre Hose. Dann fällt es auch mir schwer mit so einem ein ausführliches vertrauensvolles Vorgespräch zu führen…“ 

„Das hat vielleicht damit zu tun, dass Deine Webseite so erotisch ist. So viele explizite Photos, die ziemlich eindeutig sind…“

„Auf meinen Photos gibt es nie explizite Nacktheit, nirgendwo sind Genitalien zu sehen. Auf der Webseite gibt es auch Texte über Tantra, von mir und von anderen Autoren verfasst, und auch eine lange Literaturliste, sowie meine literarische Texte und die ausführliche Biographie. Ich habe ja an drei Universitäten studiert, ausserhalb meiner Tantra-Ausbildung und der Erfahrung, die ich mitbringe. Wenn aber jemand sich die Mühe macht, diese Webseite doch anzuschauen, dann liest er kaum, sondern schaut gleich die Photos an. Das ist eine Krankheit von heute – kaum jemand liest. Die Fotos wurden übrigens meistens von professionellen und talentierten Photographen gemacht worden. Einige wurden gar mit Preisen ausgezeichnet.“

„Mir als HOMOsexuellen ist auch wichtig zu einem Masseur zu gehen, der nur die Männer massiert, und keine Frauen…“

„Genau! Und dann beschweren sich diese HOMOs noch darüber, dass es so viele Fotos sind, und dass ich auch noch Frauen berühre! Als ob es für einen schwulen Mann ein No-Go ist, sich von jemanden berühren zu lassen, der auch ein Mal im Monat eine Frau berührt. Ein schwuler lässt sich heutzutage nicht mehr von Frauen berühren. Dem aber noch nicht genug: Er lässt sich auch nicht mehr von Männern berühren, die ab und zu eine Frau berühren! Ist es nicht etwas… totalitär? Oder… Verrückt? Ich meine, das sind Verhältnisse, wie in Polynesien oder Indien, vor 5.000 Jahren. Dort dürfte man sich aber nicht von denen berühren lassen, die den niedrigen Kasten angehörten, oder selbst von den Vertretern der niedrigen Kasten berührt wurden. 5000 Jahre später in der Schweiz geht es aber nun um die Hälfte der Menschheit…“

„Bitte nicht gleich radikalisieren!.. Mir ist auch wichtig, dass die Massage lange dauert… In unserer Tantragruppe haben wir mindestens eine halbe Stunde einander massiert. Dann wurde gewechselt, und dann ging noch ein Mal eine halbe Stunde los… Heute massieren viele nur 15 Minuten…“

„Wer radikalisiert denn jetzt?! Meine Berührungsrituale dauern mindestens eine Stunde, wobei nur ich gebe. Früher gab es bei mir 1-Stunde-Sessions gar nicht, sondern nur länger. Die reguläre Session dauert 90 Minuten oder 2 Stunden, es gibt auch 3-stündige. Und bei den Massage-Austauschabenden massiert bei mir jeder mindestens eine ganze Stunde. Vorher gibt es eine Übung und eine Meditation, wenn Leute wenig Erfahrung haben. Und auch nachher…“

„Genau! Wir sind nachher immer zusammen Pizza essen gegangen in der Tantragruppe. Die meisten Masseure brechen aber abrupt ab…“

„Ganz ehrlich: sich den Magen mit Pizza voll zu stopfen ist so ziemlich das schlimmste, was man nach einem Tantra-Ritual machen kann. Es geht viel mehr ums Verzicht auf das Essen..“

Pause. Ich überlege:

„Hey, du: inzwischen bezweifle ich, dass du auf meiner Webseite warst… War es wirklich ich?“

„Na ja, höchstwahrscheinlich du. Deine Seite hat einen dunklen schwarzen Hintergrund, oder? Das hat mich auch irritiert und davon abgeneigt…“ 

„Meine aktuelle Webseite, was Berührung anbelangt, hat einen hellen weissen Hintergrund. Wahrscheinlich war es nicht ich. Hm. Was ist dir sonst noch wichtig bei einer Tantramassage?“

„Na ja, ich weiss auch nicht, ob du das warst. Und welche Räumlichkeiten du hast… Für mich ist aber der Raum, seine Grösse und die Sauberkeit wichtig. Einmal war ich bei einem: Sein Raum war ziemlich gross. Zentral gelegt. Hohe Decken. Und ganz sauber, wirklich Tip-Top! Und ein Mal bin ich in so einer schmuddeligen Partaire-Wohnung am Rande der Stadt gelandet, mit niedrigen Decken und auch noch nicht sauber. Das war schlimm. Echt schlimm. Seitdem gehe ich nie mehr in die Tantra…“

„Tantra hat wenig mit der Grösse des Raumes zu tun, und schon gar nicht mit der Höhe der Decken oder mit dem Stadtzentrum. Es muss im Tantra auch nicht immer alles so steril sein, wie im Krankenhaus. Es war schon immer eine sehr alternative spirituelle Strömung gewesen, der sich vor allem arme Mönche widmeten. Und einen Massagesaal im Zentrum von Zürich muss ein tantrischer Meister sich Mal leisten können! Wenn aber alle oder die meisten Gäste in den Mustern denken wie du, wenn alle bloss solche rein äusserliche Kriterien anwenden, kann er es sich nicht mehr leisten. Nicht Mal eine Putzfee. Darum ist das erfolgreichste Tantra-Angebot im Zentrum von Zürich heute so, wie es ist –  70 Franken für 30 Minuten schnelle Wicheserei mit Happy End. Von einer jungen Frau natürlich, dafür in hohen Räumen mit einem Bier und sogar einem Stück Pizza gratis dazu. Ein Vertrauensverhältnis wird natürlich vorausgesetzt. Aber nur zu Männern!

Und darum ist auch unsere Welt so, wie sie ist.“

Biel/Bienne, Dezember 2019