Zärtlichkeit und Treue

von August E. Hohler_MG_4573

Utopische Gedanken über Liebe, Ehe und Eifersucht …sowie über Frieden und Krieg

Die Ehe ist in der Krise, die Zweierbeziehung überfordert, das Zärtlichkeitsmanko in der Welt enorm, die Feindseligkeit zwischen den Menschen lebensgefährlich: Müssen wir da nicht, um die Chancen für Friedfertigkeit und Wohlbefinden zu erhöhen, eingefahrene Denkbahnen verlassen, zum Beispiel eingefleischtes Besitzdenken überwinden und uns um einen neuen Begriff von Treue bemühen? Um eine Treue, die sich nicht notwendigerweise als sexuelle Treue versteht, sondern als Vertrauen, das aus der Zärtlichkeit und Freiheit wächst, die wir als Liebende einander schenken?

August E. Hohlers „utopische Gedanken“ sind eine Weiterführung und Vertiefung seiner vielbeachteten Überlegungen, die im Oktober 1978 unter dem Titel „Wir leben. Leben wir? Und wozu?“ erschienen und die sich unter der Überschrift „Auf der Suche nach dem Sinn unseres Lebens“ auch in seinem Buch „Wozu das alles?“ (Ex Libris Verlag, 3. Auflage 1981) finden. Einander halten in Zärtlichkeit, einander lassen in Freiheit als Utopie geglückter zwischenmenschlicher Beziehungen?

Einander halten…

Meine Mutter war über achtzig, ich über vierzig, als ich eines Tages ungewohnterweise (denn St. Galler sind trockene, „brötige“ Leute) meinen Arm um ihre Schultern legte und sie ein wenig an mich zog, ein wenig an mich drückte – ohne ersichtlichen Anlass, aus einer aufwallenden Zuneigung heraus oder vielleicht eher in dem halbbewussten Bedürfnis, zu ihren Lebzeiten etwas zu tun, was wir lebenslang verpasst hatten. Die Wirkung war erstaunlich und wunderbar: die Mutter, diese alte, ganz unsinnliche Frau, wie ich gemeint hatte, wurde über und über rot in ihrem jetzt plötzlich zaghaft strahlenden Gesicht: rot vor Verlegenheit und Scham, rot aber auch aus Freude und, ja, aus Vergnügen und Lust: ihr Körper, zu dem ich nie eine Beziehung hatte, weil er gar keine zu erlauben schien, antwortete dankbar zustimmend, fast ohne dass sie es merkte.

Diese Sekunden der Zärtlichkeit, wortlos, denn da war nichts zu sagen, unsere Körper sagten alles (und unser Körper, wenn wir ihn gewähren lassen, weiss Bescheid), diese paar stummen Sekunden wogen oder hoben Jahre und Jahrzehnte fruchtloser Streitereien auf, wie sie zwischen, sagen wir, konservativen Eltern und abtrünnigen Kindern seit je üblich sind; diese Augenblicke der Zärtlichkeit räumten weg, was uns trennte, und legten frei, was verstellt auch immer dagewesen war: Liebe, Dankbarkeit, Einverständnis, Wärme. Schmelzprozess im Tiegel des Lebens, unvergesslich.

Übertreibe ich? Ich glaube es nicht. Es genügt, ein Kindlein in den Armen seiner Mutter oder seines Vaters zu beobachten, seinen zufriedenen Ausdruck, wenn es gestillt oder gestreichelt wird, um zu sehen, dass Zärtlichkeit offenbar das Erdreich ist, auf dem Geborgenheit, Lebendigkeit, Beziehungsstärke, Selbstvertrauen wachsen. Zärtlichkeit hat mit den Augen, mit den Händen, mit der Haut, mit dem Mund zu tun. Was macht eine glückliche Mutter? Sie muss ihr Kindlein immerzu ansehen, immerzu streicheln, immerzu mit ihm reden. Was machen Verliebte? Genau das gleiche. Der unbeschreibbare Moment, in dem zwei Menschen einander erkennen und zu Verliebten, Geliebten werden, verwandelt diese Menschen in eigentümlicher und gewissermassen eintöniger Weise: plötzlich haben sie ein unbezähmbares Bedürfnis, einander zu halten, einander in die Augen zu blicken, einander alles mitzuteilen. Verliebtheit als Dammbruch, der die Grenzen meiner Individualität überspült und dessen einströmende Wasser mich lebendig, empfänglich, aber auch wehrlos machen; das Bedürfnis nach Nähe, wechselseitiger Annahme und Bestätigung, nach Ver-einigung, Einswerdung, Verschmelzung als natürliche Folge. Einander halten, Halt geben in der Wehrlosigkeit des Dammbruchs.

Beschreibe ich eine Idylle? Die Welt sieht nicht idyllisch aus. Ich beschreibe Selbstverständliches, aber das Selbstverständliche ist selten. Und der katastrophale Mangel an Zärtlichkeit in der Welt sollte uns nicht wundern: da sie entspannt und glücklich, anteilnehmend und friedfertig macht, wäre ihre Ausbreitung subversiv, revolutionär. Zärtliche Menschen sind schlechte Soldaten, unwillige Anpasser und zurückhaltende Konsumenten, also keine Leute, die unsere Gesellschaftsordnung braucht. Systemstabilisierend sind vielmehr aggressive, kriegerische Gesinnung (die sich bei uns unter vielen Mänteln verbirgt) und offen am Tage liegende Konsumwut. Sie werden gemästet von den Frustrationen derer, die bei materiellem Wohlstand seelisch darben, und das sind die meisten von uns. Es ist eine traurige Tatsache, dass die physische Hungersnot, unter der zwei Drittel der Erdbevölkerung leiden, ihr Gegenstück in der psychischen Hungersnot der Reichen und Überzivilisierten hat, und es ist verheerend, dass unserem Zärtlichkeitsmanko unser Manko an Solidarität mit den Armen dieser Welt entspricht.

Einander halten in Zärtlichkeit: darauf kommt es an. Aber nicht nur darauf. Das Kindlein wird grösser und strebt, obwohl es immer wieder in ihre Arme zurückkehrt, von der Mutter weg, will auf eigenen Füssen stehen. Wir müssen es lassen. Die Verliebten, wenn sie wachsen wollen, überwinden die Weltverengung ihrer Verliebtheit in der weltoffenen Freiheit ihrer Liebe. Sie müssen einander lassen. Das ist schwer, vielleicht schwerer als alles andere im Leben, und es kann sehr weh tun. Aber Treue, dies vorweg, ist, wo zwei einander nicht lassen, ein kümmerlicher Ersatz für Freiheit und keine Gewähr für Dauer.

„Loo mi sii!“ sagt das Mädchen zu seinem Vater, der Schüler zu seinem Mitschüler, der Mann zu seiner Frau oder Freundin, „lass mich sein!“ Eine Aufforderung mit klarer Aussage: Lass mich in Ruhe, im Frieden, stör, bedrängt mich nicht, komm mir nicht zu nah, lass mich los… Aber die gängige Redensart geht genau besehen tiefer, hinunter in die Wurzel des Menschseins überhaupt. LASS MICH SEIN: das ist unsere Urbitte, das Wichtigste, was wir verlangen, das Beste, was wir bekommen können. Lass mich sein – das heisst: Gewähre mir meinen Platz in der Welt, lass mich gelten, lass mich atmen, leben, lass mich so sein, wie ich bin, akzeptiere, dass ich so und nicht anders bin. „Du bist du, und ich bin ich… Kontakt ist die Anerkennung von Unterschieden“, hat Fritz Perls, der Begründer der Gestalt-Psychologie, gesagt.

Einander lassen: es klingt einfach, einleuchtend, und liegt doch quer zu unserer ganzen Kultur, in der wir aufs Vereinnahmen, Festhalten, Besitzen, Verfügen – aufs Haben, nicht aufs Sein – getrimmt werden, einer des anderen Eigentum und Beute, in der Ehe zum Beispiel. Rilkes Vers „Wir haben, wo wir lieben, ja nur dies: einander lassen…“ meint vieles: einander sein lassen, wie gesagt, ohne sich vom andern ein Bild zu machen und ihn/sie nach diesem Bilde ständig ummodeln zu wollen: einander loslassen – denn wenn wir uns unentwegt festhalten, buchstäblich und im übertragenen Sinn: wie können wir da aufeinander zugehen? Einander lassen, einander sein lassen, einander loslassen – überhaupt loslassen: ein Kind, einen Besitz, ein Ziel -, einander gehen lassen: gehen lassen in der schlichtesten und in der weitestreichenden Bedeutung und dazwischen in allen Variationen.

Lässt der Mann seine Frau gelegentlich allein ins Kino gehen, wenn sie möchte? Lässt sie ihn einmal allein in die Ferien gehen, wenn er möchte? Darf er, darf sie Freunde und Freundinnen haben, die nicht gemeinsame Freunde sind, und lassen sie einander allein zu ihnen gehen? Billigen sie einander Liebesbeziehungen ausserhalb der Ehe oder Partnerschaft zu, ohne mit Verbot, Abbruch der Beziehungen oder Mord zu drohen? Lassen sie einander, im Falle des Scheiterns, ohne Groll ziehen und können vielleicht doch gute Freunde, gemeinsam sorgende Eltern ihrer Kinder bleiben?

Mit solchen Fragen kommt Angst ins Spiel, Verlustangst, Einsamkeitsangst, Unlust, Eifersucht; die meisten von uns haben wenig Vertrauen in die Freiheit und scheuen ihre Risiken, die unbestreitbar sind. Dabei wissen wir natürlich, dass Selbstverwirklichung, die heute von Frauen wie Männern angestrebt wird, nur möglich ist, wenn wir einander Raum gewähren, Freiheit lassen; aber dieses Wissen trägt nicht weit.

Tiefer ist die Einsicht, dass ich einen geliebten Menschen am besten „halte“, wenn ich ihn „loslasse“, dass wechselseitige Freiheit die verlässlichste Gewähr für wirkliche Verbundenheit bietet, die einzige: indem wir einander Entscheidungsmöglichkeiten zubilligen, können wir aus eigenem Antrieb zusammenbleiben oder zurückkehren. Das schreibt sich leicht, ist hart zu glauben und schwer zu praktizieren. Nicht das Loslassen, sondern das Festhalten haben wir gelernt, nicht die Lässigkeit, sondern den Krampf. Und doch ist das Loslassen, wie ja der Ausdruck sagt, das Ende einer Anstrengung und macht Energien frei, die im Festhalten blockiert sind: macht meine Hände frei.

Einander halten in Zärtlichkeit, einander lassen in Freiheit: wie geht das zusammen?

„Zärtlichkeit ist eine Existenzform“, hat Jean-Paul Sartre gesagt, und da es dieser unzimperliche, militante Philosoph sagte, können wir daraus schliessen, dass er unter Zärtlichkeit nichts Lauwarmes, Schwächliches, sogenannt Unmännliches verstand, dass Zärtlichkeit und Auseinandersetzung einander nicht ausschliessen, sondern vielmehr bedingen, indem, wie wir wissen, Intimität sehr oft überhaupt erst nach fairem, vielleicht hartem Kampf möglich wird und in gereinigter Atmosphäre doppelt köstlich schmeckt, indem, anderseits, aufstellende Intimität den Weg zur fruchtbaren Auseinandersetzung ebnet. Entscheidend im zärtlichen und kämpfenden Umgang ist die Offenheit der Partner; sie kann verhindern, dass sich unmerklich-unaufhaltsam jenes ätzende Gift des Ungesagten, Unbereinigten anhäuft, das so viele Beziehungen zersetzt und ruiniert.

Offener Umgang verhindert Giftbildung, nicht aber Schmerz. „Zärtlichkeit“ kommt von „zart“, und „zart“, wenn wir den etymologischen Wörterbüchern trauen dürfen, geht zurück auf persisch-indogermanische Ausdrücke, die „Schmerz“ bedeuten. Wortgeschichtlich bezeichnet „zart“, erstaunlich genug, einen Verfeinerungsprozess, der mit Schmerz verbunden ist…

„Zärtlichkeit ist eine Existenzform“, das heisst, eine Grundhaltung des In-der-Welt-Seins, die auch dem Stein, dem Tier, dem Baum gilt, und im geliebten Menschen aller Kreatur. Ist damit das Urteil über die Zweierbeziehung gesprochen? Das glaube ich kaum. Noch immer glaube und vermute ich, dass die besondere Verbindung zu einem besonderen Menschen einem Grundbedürfnis entspricht – wenn auch (wir kommen darauf zurück) diesese Grundbedüfnis nach Geborgenheit, Heimat, Wärme möglicherweise in einem weiteren Kreis liebend verbundener Menschen zuverlässiger gestillt werden kann. Aber ganz lassen sich Zärtlichkeit als Existenzform und Zweierbeziehung mit striktem Ausschliesslichkeitsanspruch nicht vereinbaren. Die Zweierbeziehung erstickt an ihrer Auschliesslichkeit; wenn wir einander nur halten und nicht lassen, wenn die besondere Zuwendung zu einem bestimmten Menschen bedeutet, dass ich mich gewissermassen von allen anderen abwende, dann wird die ersehnte Geborgenheit zum Gefängnis und Grab, die Heimat zur Hölle.

Die Zweierbeziehung im Sinne der strikt monogamen Einehe oder Partnerschaft ist eine unter vielen möglichen Formen des Zusammenlebens, nicht aus der Natur des Menschen ableitbar, ethnologisch-historisch gesehen keine Regel, sondern die Ausnahme in der Vielfalt der Kulturen, und sie scheitert immer wieder, immer mehr, weil sie eine unrealistische Überforderung darstellt. Es fragt sich sehr, ob der romantisierte Mythos von der einmaligen, einzigartigen Liebe, menschheitsgeschichtlich jung und vermutlich bereits am Verblassen, überhaupt ein Ideal oder nicht vielmehr ein Unglück und im Grund liebesfeindlich ist. Die Partner einer Zweierbeziehung sind in doppelter Weise überfordert: sie bürden einander zuviel auf, und sie dürfen sich selber nicht treu sein.

Sie bürden einander zuviel auf: Wenn die Idealvorstellung von mir verlangt, dass ich dem andern „alles“ bin, „ganz“ mich gebe, „jederzeit“ und „für immer“, sind Enttäuschung und Ernüchterung vorprogrammiert, allmähliche Verödung oder plötzlicher Kurzschluss unvermeidlich, denn ich kann die übermässigen, eigentlich un-menschlichen Erwartungen nicht erfüllen. Die zweite Überforderung besteht darin, dass die Partner einer Beziehung mit Ausschliesslichkeitsanspruch sich selbst nicht treu sein dürfen. Die Wahrheit ist, dass Menschen einander gefallen. Die Wahrheit ist, dass ich mehr als einen Menschen lieben kann, nacheinander, auch miteinander. Die Wahrheit ist, dass mein erotischer und sexueller Appetit, wenn ich ehrlich bin, jeden Tag und allenthalben angeregt werden kann.

Wenn ich nicht ehrlich bin, wenn ich das Offenkundige bestreite, meine Bedürfnisse, Gefühle, Gelüste leugne (ihnen im geheimen aber wohl nach Möglichkeit dennoch nachgebe), kommt zur Überforderung die Lüge, und da uns die Wahrheit frei macht, wie in der Schrift zu lesen ist, bewirkt die Lüge das Gegenteil: Unfreiheit, in der Zärtlichkeit und Liebe erlöschen wie die Kerze unter Glas.

Der ausschliessende Charakter strikter Zweierbeziehungen beginnt längst vor der Sexualität. Es gibt Menschen, die dem Frieden beziehungsweise der Treue zuliebe ihre Blicke, ihr Hände, ihre Haltung, ihre Bücher, ihr Gedanken, ihr Freunde und am Ende sich selbst opfern. Das ist schlimm genug. Aber trotz aller sexuellen Revolution und freimütigen Praxis scheint die kritische Frage für viele noch immer zu lauten, ob zwei ausserhalb der Ehe oder Partnerschaft miteinander geschlafen haben. Der Beischlaf als kritische Grenze und Treuetest, noch immer, vielleicht wieder vermehrt: muss das sein, warum ist das so?

Das führt uns zur Befassung mit dem Stellenwert dessen, was wir Treue nennen, und mit dem Stellenwert der Sexualität.

Alles Lebendige ist schön, alles Lebendige kann weh tun. Zärtlichkeit als Existenzform, als Grundhaltung, als zwischenmenschliches Klima macht uns lebendig, weich, empfänglich, auch verletzlich. Treue als unbedingte Forderung und eisernes Prinzip tötet uns ab, mach uns hart, abweisend, rechthaberisch. Aber indem ich die sexuelle Treue als Prinzip in Frage stelle, erhebe ich nicht Untreue, Treulosigkeit zum Prinzip. Menschen sind verschieden, und unter Treue können wir Verschiedenes verstehen. Es kommt nicht darauf an, sie über Bord zu werfen – ebenso wenig wie die Geborgenheit -; es kommt darauf an, glaube ich, ihr einen weiteren und tieferen, lebens- und menschenfreundlichen Sinn zu geben. Menschen sind verschieden; wem sexuelle Treue kein Problem, sondern ein Bedürfnis ist, der braucht sich wahrhaftig nicht zum Seitensprung zu zwingen (die einfältigste und gefährlichste Wirkung der sogenannten Sexwelle besteht darin, dass sie Leute, die eigentlich ganz zufrieden wären, einer Art Leistungsdruck aussetzt, der sie verunsichert statt glücklicher macht).

Aber für die meisten Menschen ist sexuelle Treue, mindestens zeitweise, ein Problem. Wer ehrlich ist, wird zugeben, dass er nicht so sehr aus Überzeugung treu ist (wenn er es ist), sondern aus Mangel an Mut und Gelegenheit, aus Angst vor Folgen und Weiterungen, vielleicht aus Rücksicht auf den Partner, der andere Anschauungen hat. Solche Rücksicht ist wichtig und unerlässlich, aber auf die Dauer keine Lösung. In Ehen oder Partnerschaften, die nur noch aus Rücksichten und Versagungen aus Rücksicht bestehen, ist „allmählich alles aus Porzellan“, wie es bei Martin Walser in seinem Stück „Die Zimmerschlacht“ heisst: zerbrechlich, dünn, unheimlich, und erst recht in einer Gruppe von Menschen, in Haus-, Wohn-, Produktions- und Lebensgemeinschaften. Und dieses Problem, das viel Unsicherheit mit sich bringt, erfordert entsprechende Beziehungsarbeit, auch Schmerzarbeit, auch Trauerarbeit.

Sexuelle Treue als gegenseitige Eigentumsgarantie, von der her Untreue zur Eigentumsverletzung, zu Einbruch und Diebstahl wird, lässt solche Arbeit nicht zu. Die Kalten Krieger der Liebe, wie ich sie einmal nennen möchte, denen Konsequenz über alles geht, die den Partner sofort vor das ultimative Entweder-Oder stellen – er oder ich, sie oder ich -, die „klare Verhältnisse“ fordern, „reinen Tisch“ machen und haufenweise Tischtücher zerschneiden – was verteidigen sie, was verteidigen wir denn? Die Treue? Die Liebe? Einen Besitz? Die Weite oder die Enge? Wachsendes oder verdorrendes Leben? Sie/wir, das ist gewiss, kämpfen so jedenfalls mit untauglichen Mitteln um den geliebten Menschen. Treue: soweit der Begriff nach Vaterland, Heldentum, Krieg schmeckt, ist er mir unsympathisch; „treu bis in den Tod“, „treu zur Fahne“, „in Treue fest“, das klingt nicht gut in meinen Ohren, klingt nach jener konsequenten Männlichkeit, welche mit dem Kopf durch die Wand will und um der angeblichen Gerechtigkeit willen allemal die Welt zugrundegehen lässt. Treue: soweit sie den geliebten Menschen als Besitz unter Verschluss legt, also zum Gegenstand macht, ist sie unwürdig. Sexuelle Treue: soweit sie natürlichen Bedürfnissen und der Zärtlichkeit als Existenzform zuwiderläuft, ist sie, meine ich, unmöglich und unnötig.

Gibt es einen anderen, weiteren, tieferen Begriff von Treue? Ich glaube schon. Nicht die Sexualität wäre dann das Kriterium, sondern das Vertrauen, das aus Zärtlichkeit und Freiheit wächst; einander zärtlich halten, einander freilassen: das ist die Voraussetzung, um zueinander zu halten in einer Treue, Verbundenheit und Verlässlichkeit, die Stürme und Schmerzen überdauert und vielleicht sogar sich freuen kann an der Liebesfreude des andern. Wenn wir aufhören, einander zu gehören, können wir besser zueinander gehören. Und wenn wir aufhören, die Sexualität so entsetzlich wichtig zu nehmen, kann sie schöner werden und das Problem der Treue entschärfen.

Am Tag, an dem die Mehrheit der Menschen erkannt hat, dass es natürlicher ist, wenn wir einander lieben, als wenn wir es nicht tun oder einander hassen, an dem Tage wird die Welt, falls sie noch steht, gerettet sein. Es ist natürlicher, einander anzusehen, als wegzusehen. Es ist natürlicher, miteinander zu reden, als stumm zu bleiben. Es ist natürlicher, einander zu berühren, als unberührt zu sein. Es ist natürlicher, einander zu wärmen, als einander kalt zu lassen. Es ist natürlicher, sich zu vereinigen, also miteinander zu schlafen, als getrennt zu bleiben. Wenn so die Sexualität in ein lebendiges Leben freundlichen Kontakts eingebettet ist, wenn sie die mögliche Fortsetzung des zwischenmenschlichen Gesprächs mit andern Mitteln wird, dann verliert sie an bedrohlicher Wichtigkeit, um dafür an unbefangener Schönheit, an Reiz und Köstlichkeit zu gewinnen. Und wenn wir einander auf diese Weise wirklich halten, dann können wir uns auch wieder lassen: füreinander sein, ohne einander zu haben.

Dies ist kein Text, der ausdrücklich von Emanzipation handelt, er setzt sie gleichsam voraus. Wenn ich den Aufbruch der Frauen in der Welt, vielleicht das folgenreichste Ereignis der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts, richtig verstehe, so geht es nicht darum, dass Frauen werden wie Männer, dass also das Potential an Männlichkeit überflüssigerweise noch vermehrt wird, sondern ganz im Gegenteil darum, dass die Frauen ihrer eigenen Kraft und Stärke innewerden und vertrauen, dass sie das Potential an Weiblichkeit in der Welt vermehren und dadurch (man kann nur hoffen) die lebensgefährlich gewordene Dominanz und Einseitigkeit erobernder Männlichkeit überwinden: dass „Ehrfurcht vor dem Leben“ sich gegen die Mächte der Vernichtung durchsetzt.

Zum Potential an Weiblichkeit gehört in besonderer Weise die Zärtlichkeit als Existenzform, und aufgewertete Zärtlichkeit bewirkt grundlegende Veränderungen in unserem intimsten Bereich, in der Sexualität, die ihrerseits globale Entwicklungen widerspiegelt.

Die grundlegende Veränderung besteht darin, dass Sexualität unter Gleichwertigen, Ebenbürtigen, Mündigen nicht als Eroberung und Unterordnung, sondern als Begegnung und freiwillige Hingabe stattfindet. Zärtlichkeit gilt immer dem ganzen Menschen – streichelt ihn von Kopf bis Fuss -; sie ist insofern wichtiger, umfassender als Sexualität, diese nur ein Teil von ihr. Der traditionelle Mann, gewohnt, mit seinem eindringenden Penis direkt ans Ziel zu gelangen, ohne Umwege, wie er meint, hat Mühe mit dieser Veränderung, ist ratlos gegenüber der streikenden, sich verweigernden Frau, die den Beischlaf als solchen relativ unwichtig und erst dann schön findet, wenn sie als ganzer Mensch zum Blühen gebracht wird. Die Lektion Zärtlichkeit ist der schwierigste, notwendigste, lohnendste Teil männlicher Emanzipation – lohnend, weil viel Einbildung, Imponiergehabe, Leistungszwang und Versagensangst sich als entbehrlich erweist, und weil sie alles ein bisschen normaler, ein bisschen unwichtiger und sehr viel schöner macht.

Zärtlichkeit, die nicht besitzen will, sondern gelten lässt, ist gegen niemanden gerichtet; einander zu gefallen, kann durchaus genügen; körperliche Freuden, sexuelle, sind ein eigenständiger Wert und brauchen – bräuchten – nicht zu Ehekrise und Eifersuchtsdrama zu führen.

… Wenn, wie in der Schweiz geschehen, 1979 fast ein Drittel weniger Ehen geschlossen wurden als zehn Jahre zuvor, während die Scheidungen im gleichen Zeitraum um Dreiviertel zunahmen, kann das kein Zufall mehr sein; dafür wie für das ständige Anwachsen amtlich-kirchlich nicht abgesegneter Formen des Zusammenlebens gibt es viele Gründe. Abgesehen von der freien Zweierbeziehung, welche fast die gleichen Probleme birgt wie die Ehe, ausser dass Auflösung und Wechsel leichterfallen, sind zwei scheinbar gegensätzliche Tendenzen besonders aufschlussreich: die Tendenz, allein zu leben, und die Tendenz, sich in Gruppen zusammenzuschliessen. Beides braucht nicht für immer zu sein, kann auch alternieren; in beiden Fällen, darum sind sie nur scheinbare Gegensätze, geht es mit unterschiedlicher Akzentuierung um die bekömmliche Mischung von Distanz und Nähe, Freiheit und Geborgenheit, Halten und Lassen; beiden, den Allein- und den Zusammenlebenden, ist die traditionelle Ehe und Kleinfamilie zu eng. Die berufstätige Frau zumal, auf eigenen Füssen stehend, weil wirtschaftlich unabhängig, ist auf die Zweierbeziehung mit dem verdienenden Mann nicht mehr angewiesen; Geborgenheit scheint sie, so oder so, leichter zu finden als er.

Und die Kinder? Aber die Kinder? Es darf bezweifelt werden, dass die Ehe als überforderte Zweierbeziehung, die isolierte Kleinfamilie, in der faktisch meist nur die Mutter als Bezugsperson übrigbleibt, dass also das Ghetto der Ausschliesslichkeit dem Kind ideale Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Es bietet sie nicht. Wenn Kinder auch mit andern Müttern und Vätern, mit andern Mädchen und Buben regelmässige Kontakte und gefühlsmässige Bindungen haben, etwa in einer Haus- oder Wohngemeinschaft, gedeihen sie besser, leichter, unbefangener; und die Mutter-Kind-Beziehung, entlastet vom Übermass exklusiver Ansprüche, kann um so herzlicher werden. Ja, es scheint, dass kleine Kinder dort, wo Menschen die Zärtlichkeit als Existenzform ernst zu nehmen versuchen – was übrigens nicht ernst sein muss, sondern heiter und erholsam sein kann -, mit den Problemen der Eifersucht leichter fertig werden als ihre Eltern.

Wenn wir einander halten in Zärtlichkeit, einander lassen in Freiheit; wenn wir Treue nicht mehr vom Sexuellen her definieren, sondern als ein verlässliches Zueinandergehören in Zärtlichkeit und Freiheit verstehen; wenn Sexualität weniger wichtig und dafür schöner, selbstverständlicher wird, weniger mit Eroberung und Besitz zu tun hat als Ausdruck der Lebensfreude ist: liegen dann die Qualen der Eifersucht hinter mir? Theoretisch ja; vielleicht; nicht unbedingt; möglicherweise überhaupt nicht. Ich weiss, dass ich eifersüchtig bin; aber ich weiss auch, dass die Augenblicke, in denen ich meine Eifersucht überwand, zu den glücklichsten im Leben gehörten, glücklich wie jene, in denen geliebte Menschen in meiner Liebe, die ja im Grund immer eine Liebe ist, für eine Weile ununterscheidbar werden. Ich sehe, dass die meisten Menschen eifersüchtig sind, aber nicht alle, jene zum Beispiel nicht oder weniger, die sich zwar freuen an schönen Dingen, ohne doch ihr Herz an äusseren Besitz zu hängen, jene zum Beispiel, die in ihrer Kindheit, vielleicht in einer grossen Familie, genügend Streicheleinheiten bekommen haben, um eine Selbstsicherheit zu entwickeln, die auch mit der Angst vor dem Vergleich, vor der Konkurrenz, vor Verlust und Einsamkeit fertig zu werden vermag.

Eifersucht muss nicht sein, ist keine Naturerscheinung, kommt in manchen Kulturen nicht vor. Gut zu wissen; doch was hilft’s? Hier kommt sie vor, tut weh oder macht rasend oder beides zusammen, und wir müssen uns mit ihr auseinandersetzen. Lebendiges Leben, in dem wir die Grenzen unserer Individualität öffnen und überschreiten, ist ohne Schmerz nicht zu haben, das Loslassen in unserer Kultur des Festhaltens und Besitzens schwer zu lernen. Wollen wir nicht besser die Fahnen einziehen? Aber wer einmal auf den Geschmack des Lebens und Liebens ohne Parzellen, Stacheldrahtverhaue und Minenfelder gekommen ist, wird am Ende lieber die Schwierigkeiten der Freude als die Öde der Freudlosigkeit auf sich nehmen, sogar quälende Unsicherheit einer schalen, faden Sicherheit vorziehen.

Die Ehe als überforderte Zweierbeziehung hat ihre gewissermassen logische Entsprechung und ihr fatales Gegenstück in der Ehescheidung, die ihrerseits vielfach eine Überforderung ist, nicht selten mehr Probleme schafft als löst und so neue Beziehungen im Keim vergiftet. Die Ausschliesslichkeit des Einander-Gehörens und die Endgültigkeit des Einander-Verlassens passen in ihrer konsequenten Härte zusammen, verletzen aber elementare Bedürfnisse des Menschen, die auf Entfaltung und Dauer gerichtet sind, und schneiden damit ins Fleisch des lebendigen Lebens. Dem kurzgeschlossenen Treuebegriff entspricht der Kurzschluss der radikalen Trennung, die häufig als sogenannte „einzige Lösung“ nur übrigbleibt, weil die Öffnung und Durchlüftung der Ehe missglückte oder nicht einmal in Betracht gezogen wurde.

Es gibt gewiss viele Leute, die einander besser nicht geheiratet hätten; aber es gibt auch solche, die, einmal verheiratet, besser beisammen bleiben würden, denen das Risiko des Teilens bekömmlicher wäre als das Risiko des Trennens. Verbinden ist lebensfreundlicher als scheiden, Beziehungsschmerzen in der Ehe auszutragen hilfreicher als nach ihrer Auflösung. Der Ehebruch braucht, wie erfahrene Psychologen und auch Theologen wissen, die Ehe nicht zu brechen, er kann sie aufbrechen zu einer Weite, in der die Partner freier atmen und einander, jenseits des Besitzdenkens, tiefer lieben lernen. Aber ohne Schmerzarbeit geschieht das nicht.

Nun tritt ja freilich der „Ehebruch“ als offizeller Scheidungsgrund immer mehr zurück, und das scheint auf eine abnehmende Bedeutung der sexuellen Treue schliessen zu lassen. 1969 wurden rund 6000 Ehen in der Schweiz geschieden, 1978 10’500; die Zahl der Scheidungen wegen „Ehebruch“ blieb bei 1500 annähernd stationär, ist also verhältnismässig stark rückläufig, während die Scheidungen wegen „Ehezerrüttung“ im gleichen Zeitraum von 4300 um mehr als das Doppelte auf 8900 zunahmen.

Aber erstens spielen sexuelle Probleme auch bei „Zerrüttung“ nach wie vor eine grosse Rolle, und zweitens ist das „Einander halten“ und „Einander lassen“, an dem zerrüttete Ehen scheitern, nicht immer und unbedingt und bestimmt nicht nur eine Frage der Sexualität, sondern der Lebenseinstellung überhaupt. Ist die Ehe ein Wall, eine Festung, welche die Beteiligten die traurige Sicherheit von Nachtschattengewächsen bietet, so wird sich blühendes Leben ausserhalb ihrer Mauern entfalten wollen. Ist sie es nicht, ist sie offen für Luft, Licht und Wärme, offen für andere Menschen, so verliert die Wendung, dass hier etwas „gebrochen“ wird, ihren Sinn. Und dann werden die Beteiligten die Inkonsequenzen des Lebens, auch wenn sie weh tun, der Konsequenz rabiater Schnitte, die abtöten, vorziehen: lieber miteinander oder in einer grösseren Gruppe von Leuten arbeiten, als erbittert voneinander gehen.

Dies sind utopische Gedanken. Nicht Lösungen und Rezepte bieten sie an, sondern Möglichkeiten, die, weil sie lebens- und menschenfreundlich sind, Wirklichkeit werden möchten, Möglichkeiten, die, weil sie die Menschen befreien, entspannen, befriedigen, die Chancen des Friedens auf der Welt erhöhen (was bitter nötig ist).

Die Utopie ist ein lebendiges Leben, in dem Geborgenheit in mir selbst und unter den Mitmenschen, in dem Freiheit für mich und die andern aus der Zärtlichkeit als Existenzform wächst, ein lebendiges Leben, in dem die Liebe zweier Menschen sich nicht abkapselt, sondern der Gemeinschaft öffnet, ein lebendiges Leben, in dem nicht kalte Treue die Menschen zu Besitztümern hinter Stacheldraht erniedrigt, sondern freimütige Sexualität als Ausdruck der Lebensfreude und Zuneigung sich ohne Leistungsdruck und ohne Sanktionsdrohungen äussern darf.

Die Utopie ist ein lebendiges Leben, in dem wir uns lieber streicheln als schlagen, lieber umarmen als fertigmachen, in dem die Zärtlichkeit als Existenzform Eis schmilzt und Grenzen niederlegt, in dem sie vielleicht sogar eine neue Art der Liebe und Geborgenheit in einer Gemeinschaft von Menschen stiftet, die einander halten und einander lassen, und deren Treue auch die Stürme und Schmerzen und Konflikte, die es immer unter uns geben wird, in neuer Verbundenheit und Verlässlichkeit überdauert.

Der Mensch ist nicht auf Feindseligkeit, Hass und Krieg angelegt, sondern, wenn wir ihn zärtlich halten und frei gewähren lassen, auf Freundlichkeit, Liebe und Frieden.

Aber die Zeiten wirklichen Friedens sind bis jetzt ebenso Ausnahmen wie die Oasen gelebter Liebe. Und wenn sich das nicht ändert, werden wir daran ersticken, wird die Welt daran zugrunde gehen.

Die Utopie ist, dass die Liebe zur Regel wird.